Ich trage einen deutschen Namen

Ich habe Glück mit meinem Namen und bin durch diesen nicht aufgefallen als Tochter moldawischer Eltern. Auf meinem Bildungsweg oder meiner beruflichen Laufbahn hatte ich wenig Probleme weiter zu kommen.
Als Kind hatte ich es satt den Kindern in der Schule und meinen Freunden erklären zu müssen, dass Moldawien ein kleines Land ist, welches sich zwischen Ukraine und Rumänien befindet. Also entschied ich mich entweder nichts zu sagen oder für die einfache Variante „Russland“. Das stimmte nicht, aber ersparte mir die gleichen lästigen Fragen: „Wo ist das denn? Was spricht man da? Wann bist du nach Deutschland gekommen? Echt? Sieht man dir gar nicht an.“

Die Einbürgerung dauerte über 5 Jahre und kostete besonders meinem Vater viele Nerven. Über vier Jahre trat mein Vater einem rassistischen Sachbearbeiter entgegen, welcher ihn erniedrigte und den Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit sehr erschwerte.

In der Schulzeit waren es innere Identitäts-Fragen, welche unbeantwortet blieben und mir Steine in den Weg legten. Ich verstand nicht, warum meine Eltern sich von anderen Eltern unterscheiden, warum ich nicht die gleiche Freiheit in meiner Jugend genießen kann, warum ich die Hausarbeit mit meinem Bruder aufteilen muss, während meinen Freundinnen das Zimmer von ihren Eltern sauber gemacht wird, warum ich einen enormen elterlichen Druck hinsichtlich meiner schulischen Leistungen verspüre und warum ich nicht alles erzählen kann, weil es einfach nicht verstanden wird. Ich versuchte also das Anders-Sein bei mir und meiner Familie zu halten. Meine Eltern erzählten uns öfter von ihren Rassismuserfahrungen. Ich konnte es zu der Zeit nicht wirklich nachvollziehen, da ich den Rassismus nicht erfahren hatte und mir als Person keine Situationen diesbezüglich auffielen.

Mit fünfzehn Jahren lehnte ich meine moldawische Staatsangehörigkeit ab und war mit meinem Vater und meinen Geschwistern staatenlos. Die Einbürgerung dauerte über 5 Jahre und kostete besonders meinem Vater viele Nerven. Über vier Jahre trat mein Vater einem rassistischen Sachbearbeiter entgegen, welcher ihn erniedrigte und den Weg zur deutschen Staatsangehörigkeit sehr erschwerte. Er blieb dabei ruhig, steckte viel Energie, Zeit und Geld rein, erfüllte jede neue Anforderung, welche sich der Sachbearbeiter einfallen lies, damit wir so schnell es geht die Einbürgerung hinter uns haben. Wir trugen in diesen Jahren Aufenthaltstitel als Ausweisdokumente mit uns.

In der Oberstufe wechselte ich von einem städtischen auf ein privates Gymnasium. Ich war eine von sehr wenigen nicht deutschen Schüler*innen in meiner Stufe. Bei einer mündlichen Notenbesprechung fragte mein Lehrer der Sozialwissenschaften, ob ich die Nachrichten gucken würde. Ich antwortete ihm, dass ich es tue, wobei sie auf Russisch seien. Ich erklärte ihm, dass wir auf Russisch Fernsehen und Zuhause sprechen, da meine Familie aus Moldawien stammte. Darauf folgten diese Worte: „Nun ja, dann ist es verständlich warum du eine solche mindere Leistung in der Schule abgibst. Dadurch, dass deine Eltern hier in Deutschland keine Macht haben und die wahrscheinlich nicht schulisch ausgebildet sind, sind deine schulischen Leistungen bescheiden.“ Beide Elternteile besuchten die Universität, bevor sie Moldawien verließen. Ich war geschockt und wusste nicht, ob ich mich verhört hätte. Meine Note veränderte sich zum nächsten Zeugnis von einer 2- auf eine 4. Dort verstand ich mit welch einem Gefühl meine Eltern konfrontiert sind und verstehe es von Tag zu Tag mehr.

Von klein auf bemerkte ich, dass ich nicht reinpassen würde, wenn ich zu meiner Familie, meiner Sprache, meiner Heimat und Wurzeln stehen würde.

Ich trat ständig auf Missverständnisse, negative Reaktion oder Verwunderung, da ich ja einen deutschen Namen tragen und auch so aussehen würde. Hin- und hergerissen zwischen den beiden Identitäten. Zum einen nicht meinen Eltern in den Rücken fallen, ihren Erwartungen entsprechen und nicht enttäuschen. Und zum anderen mich an mein deutsches Umfeld anpassen, denselben Spaß in der Jugend erfahren, nicht als „anders“ aufgefasst werden und somit nicht auffallen. In mir herrschte ein Wechselspiel zwischen Peinlichkeit und Schamgefühl, ich versteckte Aspekte meiner zwei Leben, um in beide Rollen schlüpfen zu können.

Meine Eltern waren mir peinlich und manchmal habe ich mich geschämt. Details aus meinem moldawischen Haushalt waren mir peinlich. Ich sprach nicht über die zwei- bis dreitägigen Fahrten nach Moldawien, weil es keiner meiner Freunde verstehen würde. Ich sprach nicht von Moldawien. Ich sprach nicht von der Armut meiner restlichen Familie, die ich jeden Sommer in Moldawien gesehen habe. Ich sprach nicht davon, dass meine Sachen vom Flohmarkt waren, weil es sich meine Eltern nicht leisten konnten „shoppen“ zu gehen.

Es dauerte lange, bis ich mich davon gelöst habe und zu meiner Familie und meiner Herkunft stehe. Ich habe erkannt, dass es nicht meine Aufgabe ist, mich anzupassen und meine Identität zu verstecken. Sondern die Aufgabe meiner Gesellschaft ist sich zu verändern und sich zu sensibilisieren.

Erstveröffentlichung am 13.10.2020 in der WZ im Rahmen der Kolumne „Wuppertaler Perspektiven“, mit der Menschen erreicht werden sollen, „die normalerweise nicht mit uns und unseren Realitäten in Kontakt kommen.“